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Willkommen in der Hoeneß-Anstalt
31.03.2014 - 22:04 Uhr
Wie wird es Deutschlands prominentesten Häftling ergehen? Uli Hoeneß ist noch nicht im Landsberger Gefängnis eingezogen. Doch schon Wochen vorher soll die Republik wissen, was den Ex-Bayern-Präsidenten dort erwartet. Ein Besuch im Knast.

Als sich die knallorangene Zellentür öffnet, wird der Kameramann schon erwartet. Seine Kollegin, die Moderatorin, blickt triumphierend, die Frisur sitzt. "Das ist das erste Mal, dass ich in einer Gefängniszelle bin", sagt die dunkelhaarige Frau in ihr Mikro und wippt auf der viel zu dünnen Matratze. Der Kameramann streckt den Daumen hoch. Szene im Kasten. Einige Erinnerungsfotos später verlassen beide die Zelle. Wann ist man schon mal in einer richtigen Gefängniszelle? Eben!

Es ist Tag der offenen Tür in der JVA Landsberg - zumindest für die Presse. Die Leitung des 1909 eröffneten Gefängnisses hat sich für die Flucht nach vorn entschieden. Seit bekannt ist, dass Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß hier nach Ostern eine Zelle beziehen soll, wurde man von Anfragen überrannt. Mehr als 150 Journalisten sind der Einladung gefolgt und streifen durch Zellentrakt, Speiseraum, Arbeitsbetriebe und natürlich: über den anstaltseigenen Fußballplatz.

Und die JVA, für die ein solcher Medienauflauf nicht gerade Alltag ist, präsentiert sich als großzügiger Gastgeber und erfüllt fast alle Anliegen. Auf Wunsch schmeißen Justizvollzugsbeamte Zellentüren ins Schloss. "Klingt gut", sagt ein Kameramann und freut sich über den höchst authentischen Sound. Einige Meter weiter entdeckt ein Kollege am Gürtel eines Uniformierten den jedes Gefängnis-Klischee erfüllenden Schlüsselbund. Cooler Reporter mit Hundeblick: Ob der Beamte denn bitte wenigstens mal so tun könne, als würde er die Zelle aufschließen. Kann er. Beliebt sind auch Aufnahmen durch die Kostklappe, eine schmale Durchreiche in der Tür. "Da können Sie dem Uli dann die Brautwürste reinreichen", versucht ein Journalist einen Witz. Er soll nicht der einzige sein.


Von Luxus keine Spur

Ein Dutzend Einzelzellen stehen den neugierigen Besuchern offen. Die sieben bis zehn Quadratmeter großen Zimmer sind karg ausgestattet. Außer der mit blau-weiß kariertem Bettzeug bezogenen Matratze ist gerade Platz für einen Tisch mit Stuhl, Kleiderschrank, Regal, Waschbecken mit Spiegel und Klo. Das schmale vergitterte Fenster befindet sich auf Kopfhöhe. Von Luxus keine Spur - bis auf den Fernseher, den die meisten Häftlinge gekauft oder geliehen haben.

Spannende Frage: Wie richten sich deutsche Gefängnisinsassen im Jahr 2014 ein? Sollten die Zellen repräsentativ sein, dann mit den gewöhnlichsten Dingen der Welt: Körperpflegeprodukte, Hanteln, Playboy-Hefte, Tabakdosen, Obst, Badmintonschläger, BVB-Aufkleber. So richtig persönlich wird es nur selten: In einer Zelle klemmt eine getrocknete Rose am Spiegel. Ein anderer Insasse hat eine Wand mit Familienfotos dekoriert. "Wir lieben dich", steht auf einer Aufnahme, die drei Kinder zeigt.

In welche der Zellen Hoeneß einziehen wird, ist noch nicht sicher. Der 62-Jährige wird bald einer der mehr als 400 Häftlinge sein, der in dem typisch offen gebauten und durch Netze abgetrennten dreistöckigen Trakt durch die Gänge schlurfen wird. Aber Obacht: Denn Badeschlappen und Hauspantoffeln sind - darauf weisen Aushänge hin - nur im Haftraum und auf dem Weg zur Dusche erlaubt. Hoeneß erwartet in Landsberg ohnehin ein straffes Programm: 5.50 Uhr aufstehen, 6.20 Uhr Frühstück, 7 Uhr Arbeitsbeginn, 11 bis 12 Uhr Mittagspause, 15.30 Uhr Feierabend, 17 bis 19 Uhr Freizeit, dann Wiedereinschluss und Nachtruhe.


Gemüsesuppe und Schinkennudeln zum Mittag

Einen Kontakt zwischen Journalisten und Häftlingen gibt es an diesem Tag nicht. Die Gefängnisleitung will die Identität ihrer Insassen verständlicherweise schützen. Gelegentlich schallen Rufe oder Lacher von Bewohnern durch das Gebäude. Während die Zellen inspiziert werden, gehen die meisten von ihnen jedoch in einem der 17 Betriebe der JVA ihrer Arbeit nach, unter anderem in einer Schlosserei und einer KFZ-Werkstatt. Die Tagessätze liegen zwischen 10 und 15 Euro. "Unversteuert", wie ein Sprecher des bayerischen Justizministeriums auf Nachfrage versichert. In welchem Betrieb ein Häftling arbeitet, hängt von seiner Eignung ab. "Ein Metzger kommt dementsprechend in die Metzgerei oder?", fragt ein Journalist, bekommt aber keine Antwort.

Weiter geht‘s zum Essensraum - Typ: in die Jahre gekommene Jugendherberge, zweckmäßig eingerichtet, lange abgenutzte Tische mit Dutzenden Stühlen. Die Längswand zeigt ein Gemälde der Landsberger Altstadt. Ein ehemaliger Insasse habe es gemalt, erzählt ein Justizvollzugsbeamter. Einige Meter weiter hängt ein Schild: "He Kollega, du Ruhe, nix blabla." Der Speiseplan verspricht Gemüsesuppe und Schinkennudeln zum Mittag. Zum Abendessen, das sich die Häftlinge nach Feierabend abholen können, gibt es Roggenbrot, Käse, Margarine und Tee. Wem das nicht reicht, der darf einmal im Monat eigene Lebensmittel kaufen - soweit es das Budget zulässt.


Didgeridoo, Schach oder Fußball

Der wichtigste Teil des Tages beginnt für die Insassen um 17 Uhr. Erst dann dürfen sie die grün-blaue Anstaltskluft gegen den Jogginganzug eintauschen und auf den Hof. Mit den Tischtennisplatten, Bänken und Reckstangen wirkt der rund 1000 Quadratmeter große Außenbereich wie ein Schulhof - wären nicht überall Gitter an den Fenstern. Wem der Hofgang zu langweilig ist, bleibt ein breites Freizeitangebot: Didgeridoo, Schach, Yoga, Lauftreff. Für Katholiken und Protestanten gibt es Kapellen, andere Glaubensangehörige erhalten Einzel- oder Gruppengebetsstunden von außen.

Vom Anstaltshof führt der Weg durch ein mit Stacheldraht und mehreren Kameras abgesichertes Tor. Man passiert ein Volleyballfeld, beim Anblick des Fußballplatzes geht ein Raunen durch den Pulk. "Den Rasen müssen Sie aber noch walzen, da kommt doch bald ein Fußballweltmeister", sagt ein Kameramann zum stellvertretenden Anstaltsleiter Harald Eichinger. Der Platz sei nicht gerade champions-league-tauglich, entgegnet der angesichts der nicht zu übersehenden Hügel.


"Alle sind hier gleich"

Natürlich dreht sich bei dem Rundgang alles um Hoeneß. "Sie haben einen Informationsanspruch und müssen sich ein Bild von der Realität vermitteln", sagt der Sprecher. Aber die Verantwortlichen der JVA spielen ihre Rolle professionell. Die Anspielungen parieren sie, den Namen des Ex-Bayern-Präsidenten nehmen sie nicht einmal in den Mund. Fragen zu einzelnen Personen wolle man nicht beantworten. Anliegen, wie die Frage, ob man sich mal für eine Nacht einsperren lassen könne, lächeln sie höflich weg.

So groß der Aufwand auch ist: Einen Verdacht will man in dem Gefängnis nicht aufkommen lassen: einen Promi-Bonus gibt es natürlich nicht. "Alle sind hier gleich", sagt Eichinger und bemüht ein bürokratisches Beispiel. Jeder neue Häftling müsse zunächst beim Sportbeamten einen Antrag stellen, um in der Fußballtruppe teilnehmen zu dürfen. Muss Hoeneß in der Zelle hinter der knallorangenen Tür warten, bis er gerufen wird? Kaum vorstellbar. Ob das Fußballteam noch einen Rechtsaußen braucht, will Eichinger aber nicht verraten.

Quelle: n-tv.de

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